Samstag, März 24, 2012

Die Odyssee der Judith G.

Es begab sicher aber an einem schönen, sonnigen Tag, dass die Prinzessin von Marburgien, erschöpft von ihrer Arbeit am frühen Morgen bis zum späten Mittag, den Weg nach Hause ins naheliegende Königreich mittels des Schienenverkehrs antrat. Da morgens schon lange vor Sonnenaufgang der Hahn zum Aufbruch gekräht hatte, war sie sehr ermüdet. So verfiel sie alsbald dem Schlaf und da kein Prinz in der Nähe war, fuhr sie weiter und wachte erst ein Reich später wieder auf. 
Noch nie in diesem Königreich gewesen, war sie schon bald verwirrt von der scheinbar fehlenden Möglichkeit die andere Seite der Schienen in Richtung ihres eigenen Königreichs zu erreichen. Gleichzeitig näherte sich die Kutsche in eben diese Richtung. Kurz nachdem die Kutsche angelegt hatte, hielt sie nur für einen Augenblick inne, um daraufhin flinken Schrittes die Schienen zu überqueren. Erst im Wagen bemerkte sie den Fauxpas: Hatte sie neben ihrer Studienausbildung doch auch die magische Zauberkarte aufgegeben, die es der Prinzessin erlaubte, mit sämtlichen Zugkutschen ohne Kosten in alle Ecken des Landes Hessens zu reisen.
So verbrachte sie die längsten drei Minuten ihres Lebens damit, zu bangen ob dies jemandem auffiele. Der Meister der Kutsche schien kurz zuvor das hintere Abteil kontrolliert zu haben. So lief dieser nur wenige Meter vor ihr in die entgegengesetzte Richtung. Es war das erste Mal, dass die Prinzessin ohne eine Bauernkarte in einer Zugkutsche stand. Als die Kutsche schließlich endlich hielt, sprang sie schnell aus dem Wagen und ritt sofort in ihr Schloss.

In ihrem Schloss erwartete sie bereits die Nachricht, dass Gefährten aus einem befreundetem Reich in ihr Städtchen kämen, um dort den sonnigen Tag zu verbringen. Prinzessin Judith - erfreut ob der ungeplanten Freizeitgestaltung - sattelte ihr Pferd und traf wenig später ihre treuen Gefährten.
Sie verbrachten schöne Stunden am ergrünten Ufer des städtischen Flusses in der Gemeinschaft vieler junger Mitmenschen. Auch ein Schwein wurde geopfert und über einem kleinen Feuerchen gegrillt und anschließend verspeist.
Mit voranschreitender Zeit schritt auch die Sonne am Horizont entlang. Als diese zuletzt vollends verschwand, begleitete die junge Prinzessin ihre Kumpanen zu ihrer Zugkutsche. Überzeugt davon, dass die Kutsche von der Hauptablegestelle des Ortes auch eine Haltestelle weiter außerhalb des Ortskerns halten würde, stieg sie hinzu. Schon bald musste die Prinzessin allerdings erkennen, dass die Kutsche einfach weiter fahren würde. Es war das zweite Mal, dass die Prinzessin ohne eine Bauernkarte in einer Zugkutsche stand. Da diese Fahrt jedoch länger dauerte, grämte sie sich vor lauter Furcht, entdeckt zu werden. Ihre Mitreisenden konnten ihr nur mitfühlend den Arm tätscheln - waren sie schließlich noch in Besitz einer Zauberkarte.
Einige Zeit später hielt der Schienenverkehr in der befreundeten Stadt. Wie schon des Mittags, stand auch nun schon eine Kutsche zurück in ihr Königreich bereit. Ohne Bauernticket wissentlich in einen Zug zu steigen schmerzte das Mädchen. So ging ihr treuer Gefährte zu einem der Kutschenmeister und fragte ihn, ob er der Prinzessin eine Karte während der Fahrt verkaufen könne. Er konnte. So stieg sie hinzu und lernte, dass sie ein halbes Jahr zu viel ihres Vermögens für die reichlichen Fahrten in ihr befreundetes Reich ausgegeben hatte. Dank ihres gemäßigten Zauberkärtchens in Richtung des Reiches wo sie für Bier und Brot arbeitete, musste sie nur die Hälfte des Preises bezahlen.
So fuhr sie frohen Mutes von dannen und bezahlt ab heute so viel für Hin- und Rückfahrt wie früher nur für die Hinfahrt.

Tage wie dieser sind der Grund dafür, dass ich mein Leben so gerne habe.
Und manchmal gibt es sie doch noch - die freundlichen Bahnmitarbeiter die nur das Beste für ihre Kunden wollen und sich daran erfreuen, wie sehr sich die Kunden an schönen Nachrichten erfreuen.

Kommentare:

  1. ....was für ein schönes Märchen, Prinzessin Judith...:)

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  2. Ich bin gerührt obschon auch etwas verwirrt. Das müßte eigentlich 5 Sterne deluxe geben. Mir ist es übrigens auch schon einmal morgens in der Bahn auf dem Heimweg von einer Veranstaltung passiert, daß wir die (seinerzeit mit Windows 95 betriebenen) Ticketautomaten zum Absturz gebracht hatten und so ohne Fahrschein dort saßen. Im Halbschlaf auf die Frage nach unserem Bahncardbesitz etwas undeutliches genuschelt saßen wir plötzlich mit einem rabattierten Ticket im Abteil, obwohl keiner von uns je so eine Karte besessen hat. Wir waren aber auch einfach zu müde, um uns dagegen zu wehren. Ich konnte eine Woche nicht gut schlafen, weil ich so ein schlechtes Gewissen hatte.

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  3. Ich mag deinen Stil so gern! (Und deinen Musik-, Film- und Literaturgeschmack.)

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