Donnerstag, Juni 07, 2012

Dinge die ich nie verstehen werde, Teil 8

Heute: Die Wahrnehmung
 
Vor kurzem lernte ich Angela und Campino kennen. Das besondere an diesen Menschen ist der einfache Fakt, dass sie für mich selbst nicht sichtbar sind.
Ich arbeite seit kurzem in einer Werkstatt für Menschen mit körperlicher und / oder geistiger Behinderung. Eine meiner Betreuten dort stellte mir schließlich Freunde vor. Unter diesen "Freunden" befindet sich auch Campino, der Sänger der Toten Hosen in einer (vermutlich) etwas gewalttätigeren Version. Campino ist dabei keineswegs wirklich ein Freund, da er immer wieder sprachlich und körperlich ausfallend und aggressiv wird - auch gegenüber anderer Freunde wie Thomas Anders von Modern Talking. Seit die betreute Person die Toten Hosen nicht mehr hört, kommt immer wieder Campino vorbei und beschimpft sie und Anders - weil Modern Talking nun eher im CD-Spieler läuft.
Eine unheimlich skurille Situation für jemanden wie mich, der vor Jahren und teilweise auch heute noch ganz gerne die Hosen hört. Zu hören, wie Campino die Person beschimpft und schlägt ist irgendwie verrückt. Ganz abgesehen von der Tatsache, dass es allgemein als verrückt angesehen wird, Menschen zu sehen, die eigentlich nicht da sind. 
Manchmal sitzt sie an ihrem Tisch, verrichtet ihre Arbeit und murmelt dabei vor sich hin und erzählt von ihrem Tag und lädt (unsichtbare) Menschen dazu ein, öfter in der Werkstatt vorbei zu schauen.
Macht sie das nun automatisch zu einem verrückten oder geisteskranken Menschen? 
Bin nicht letztlich ich die Geisteskranke und Verrückte, weil ich diese Menschen nicht sehen kann? Fehlt mir am Ende einfach irgendein Gen oder eine Verzweigung im Gehirn, der mir eben das ermöglicht - nämlich wirklich alles auf dieser Welt sehen zu können?

Man kann seinen Augen nicht immer trauen. Jeder Mensch sieht die Welt um sich herum anders. Es ist unglaublich, wie sehr man sich in der Wahrnehmung unterscheidet. 
Ein blinder Mensch hört Dinge, die ein sehender Mensch teilweise nie hören würde. 
Hunde sind rot-grün-blind.
Bei meiner vorherigen Arbeitsstelle gab es grüne Windeln, die die meisten meiner Kollegen als blau empfanden. 
Es gibt eine Folge der drei Fragezeichen, in der eine Tetrachromatin in Bildern voll gelbem Farbgematsche viele Dinge erkennen kann. Dort sieht sie Blumen oder auch eine nackte Frau. Viele Tiere wie Vögel oder Fische sind ebenfalls Tetrachromaten. Hier gibt es also statt nur drei Farbrezeptoren gleich vier. Dabei können mit dem vierten Rezeptor in der Farbe gelb viele verschiedenen Nuancen gesehen werden.
Schmetterlinge haben sogar fünf Farbrezeptoren.
Wer hat nun den richtigen Blick auf die Welt und kann von sich behaupten, alles so zu sehen, wie es wirklich aussieht?

Kommentare:

  1. Ich glaube, den richtigen Blick kann es gar nicht geben. Also zumindest meine Perspektive und damit die Sicht auf die Dinge ändern sich manchmal mehrmals am Tag... und damit meine ich nicht meine Überzeugungen, die sind ziemlich ausgeprägt.
    Ich höre und sehe aber abends Dinge, die mir morgens nicht auffallen. Ich höre gerne Musik und stelle immer wieder verblüfft fest, dass manche Lieder sich anders anhören, weil einem irgendein Detail auffällt, was vorher scheinbar nicht da war.
    Ich glaube daher, dass es das Wichtigste ist, festzustellen, dass es verschiedene Sichtweisen auf die Dinge gibt - und das macht ja auch den Reiz des Miteinanders aus, nicht wahr?

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  2. Vielleicht ist Optik sogar einer der am wenigsten wichtigen Wahrnehmungen. Im Grunde würde es doch schon ausreichen, Hindernisse bzw. räumliche Gegebenheiten zu erkennen, oder? Alles andere kann man dann mit anderen Sinnen machen.
    Ich weiß aber nicht, ob ich einen unsichtbaren Campino benötige. Und mein Humor ist vermutlich zu dunkel, um da nicht zynisch mit umzugehen, wenn ihn jemand anderes zum Freund hat. Ich glaube übrigens an viele Dinge, die wir nicht sehen können. Aber die haben mehr gemein mit Feldlinien als Bonbons.

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    1. Naja, und wie willst du deine Filme gucken, wenn du nur Hindernisse und räumliche Gegebenheiten erkennst? Verkompliziert das ganze ein wenig.
      Ich glaube, der letzte Sinn auf den ich wirklich verzichten könnte, ist das Sehen. Da ich in einer "Blinden-Stadt" wohne, bekomme ich täglich mit, wie Leute ohne Sehvermögen durch das Leben gehen. Klappt natürlich mit der Zeit alles prima, aber wäre schon krass. Zu krass.

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    2. Ich sag bestimmt nicht, daß ich mir Blindheit wünsche. Und das mit den Filmen... wenn man es genau nimmt, sind die ja nur ein Bonus im Leben. Und Philosophie funktioniert halt auch mit eingeschränkter Sicht. Meistens beruht sie eh immer darauf. :D

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