Freitag, April 03, 2015

Für ein Spaßverbot, denn die Gesellschaft ist krank!

Es ist ja wieder einmal dieser Tag. Dieser Freitag an dem nicht getanzt werden darf. Dieser Karfreitag. Ich hatte nicht einmal vor, mich in diesem Jahr schon wieder zu beschweren. Es bringt ja doch nichts und ohje, der Blutdruck! Doch dann kam Matthias Matussek und sein Artikel in Der Welt. Der Artikel ist so grausam schlecht, dass man ihn einfach auseinander nehmen muss. Hier der Artikel.

"Sie tanzen aus Prinzip. Um gegen das Tanzverbot zu protestieren. Und meistens sprechen sie schwäbisch. Oder sie berlinern und tragen schwarze Halstücher, was genauso grausam ist."
Grausamer als dieser Artikel? Und wieso trifft eigentlich keines dieser Merkmale auf den Großteil derer zu, die das Tanzverbot scheiße finden?

"So ganz individuell sind sie nicht, immerhin bekennen sich zwei Drittel unserer Gesellschaft als kirchensteuerzahlende Christen, die am Karfreitag den Tod unseres Herrn am Kreuze betrauern."
Und jetzt bitte Hand hoch, wer von diesen kirchensteuerzahlenden Christen heute den Tod unseres Herrn am Kreuz betrauert.
 
"Dem jungen Liberalen dagegen, der diesen Pressetext formuliert hat und sich durch das Tanzverbot nicht nur in seiner persönlichen, sondern auch individuellen Freiheit eingeschränkt fühlt, möchte ich nicht im Dunkeln begegnen." 
Weil jeder Mensch, der sich gegen das Tanzverbot ausspricht automatisch höchst aggressiv ist und nachts nur mit Baseballschläger rumläuft und Menschen kaputt haut?

"Wer so was schreibt, verkennt die Realität in monströsem Ausmaß und tanzt schlecht."
Welche Realität genau? Die Realität darüber, dass Kirche und Staat eben doch nicht voneinander getrennt sind?
Alle Menschen, die gerne tanzen und sich nicht vorschreiben lassen wollen, an welchen Tagen sie tanzen dürfen, tanzen automatisch schlecht?
Und selbst wenn.... was ist falsch daran schlecht zu tanzen? Doch wenn schon scheiße tanzen, dann so dass die ganze Welt es sieht. Höhö.. Die Welt. Sie verstehen?

"Nun ist eine Gesellschaft, die Trauer nicht erträgt, sei es die individuelle oder die kollektive, im Kern krank." 
Menschen, die gegen das Tanzverbot sind ertragen die Trauer also nicht. Achso, ich dachte, ich wolle mir einfach nur nicht sagen lassen, wann ich tanzen darf und wann nicht. Ich ertrage also die Trauer nicht! Danke Matussek. Endlich habe ich das Leben verstanden. Hiermit fordere ich dazu auf, mir Menschen zu zeigen, die an Ostern wirklich von tiefer Trauer ergriffen sind. Ich bin in einem christlichen Elternhaus aufgewachsen. Ich kenne Ostern, ich kenne Christen und ich kenne christliche Gemeinschaften. KEINER meiner damaligen Mitchristen war JEMALS an Ostern vor Trauer so sehr ergriffen, dass er einen ganzen Tag brauchte, um seiner Trauer Herr zu werden. Stattdessen freute man sich viel eher, dass es einen Gottes Sohn gab der aus den verrücktesten Gründen die Menschen so sehr liebte, dass er sich opferte, damit all diese bekloppten Menschen gerettet werden. Ist diese Rettung nicht viel eher ein Grund zur Freude und zum Tanzen? Warum die Trauer, kleine Regengesichter? Und macht es euch wirklich noch viel trauriger, wenn ich selbst an Karfreitag tanzen will? Ich Flegel. Und was ist überhaupt die Konsequenz? Jeden Tag sterben Menschen. Und aus Rücksichtnahme auf deren Gefühle sollte man am besten gar nicht mehr tanzen? Oder Spaß haben? Wie wäre es eigentlich mal mit einem Spaßverbot? Damit auch der letzte Deutsche endlich lernt, die Trauer zu ertragen!!

"Die Piraten, also diese bärtigen Nerds und Flanellhemdenträger, die man mit allem, nur nicht mit körperlicher Bewegung, Tanzen gar, in Beziehung bringt [...]"
Matussek erklärt die Welt, Teil 2. Körperliche Bewegung hängt also von der Parteizugehörigkeit ab.

"[...]christlich auch die Aufklärung seit Thomas von Aquin,[...]"
Merkste selbst, gelle? Religion und Aufklärung in einem Satz.. Wirklich?

"christlich die Überzeugung, dass Männer, die sich küssen, nicht an Kränen aufgehängt werden"
Heiraten sollen sie aber trotzdem nicht! Da muss man ja schon Grenzen ziehen! Aber aufhängen, nein nein. Das wäre selbst dem Papst zu viel. Das stimmt. Deswegen sollte man Karfreitag auch wirklich nicht tanzen dürfen. Das hängt alles unmittelbar zusammen.

"Unsere Kulturvergessenheit hat jüngst das Bundesverfassungsgericht auf beängstigende Weise bestätigt, mit der Aufhebung des Kopftuchverbots, mit der Begründung, dass christliche Werte und Traditionen nicht gegenüber anderen Religionen bevorzugt werden dürften."
Beängstigend ist höchstens dieser Artikel.

"Sind wir bereits derart vertrottelt und verblödet, dass uns alles egal ist? Was ist so schlecht an christlichen Werten, was so unangenehm an den Zehn Geboten, dass man sie neben Islam und Scharia allenfalls zur Wahl stellen möchte?"
Also.. die geforderte Konsequenz ist ein Christenzwang? Sind wir mittlerweile gegen die Wahlmöglichkeit? Ach stimmt, ich vergaß. Gebot Nummer 2. Wollen wir die christlichen Werte jetzt vielleicht endlich mal zwanghaft durchsetzen? Wird auch höchste Zeit. Ich hätte gerne einen Sklaven der meine Thesis schreibt. Und Homosexualität.. puh ne. Das wollen wir nicht. Das ist eine Sünde. Und schlafe niemals mit einer Frau während sie ihre Periode hat. SÜNDE! Ich liebe die guten alten christlichen Werte. Ach nein, ich vergaß erneut. Für die christlichen Werte picken wir uns ja nur die guten Sachen aus der Bibel raus. Wie zum Beispiel liebe deinen Nächsten. Oder begehre nicht die Braut eines anderen. Oder tanze nicht an Karfreitag.

Achtung, gewagte These: Man muss nichts gegen christliche Werte haben um Karfreitag tanzen zu wollen. Und: ich kann tanzen und lasse alle von Trauer ergriffenden Christen in Ruhe ihre Tränen trocken. Niemand käme sich in die Quere. Ach nein, halt. Tanzverbot und so.

Den gesamten Artikel war ich mir unsicher, ob er wirklich ernst gemeint ist. Aber er ist es wirklich.
Wir fassen zusammen: Tanzen wollen an Karfreitag ist bedenklich, weil christliche Werte dadurch abgeschafft würden.
Wieso ist ein Abschaffen von christlichen Werten letztendlich überhaupt so bedenklich? Warum soll ich mich als Nicht-Christ an Werte halten, die irgendwelche verrückten alten Männer die Gespenster gesehen haben, aufgeschrieben haben? Mattusek präsentiert uns in einem Absatz viele, viele Beispiele wieso das Christentum sooo viel besser ist als alles andere: "Christlich ist unsere Herkunft, unsere Tradition, christlich ist unser Menschenbild ("Die Würde des Menschen ist unantastbar"), christlich ist unsere Bildung, christlich ist unsere gesamte Anthropologie inklusive der gleichen Rechte für Frauen, die erkämpft wurde, christlich auch die Aufklärung seit Thomas von Aquin, christlich die Überzeugung, dass Männer, die sich küssen, nicht an Kränen aufgehängt werden und Frauen, die sich in einen anderen Mann vergucken, nicht gesteinigt werden sollten – aber wir erinnern uns nicht mehr." Ooooh, mit ein bisschen gesundem Menschenverstand krieg ich mein Leben auch so hin, ohne mich an die 10 Gebote halten zu müssen. Und für den Rest gibts ja immer noch Grundgesetz und co.

Und jetzt bitte aus Rücksichtnahme für all die Trauer tragenden Christen da draußen: Hört auf zu tanzen. Hört auf zu lachen. Hört auf Spaß zu haben. Denn sobald heute Menschen nicht traurig sind und die Trauer anderer nicht ertragen können, ist die Gesellschaft krank. Und wer will schon eine kranke Gesellschaft in der getanzt und gelacht wird? Igitt.

1 Kommentar:

  1. "Den gesamten Artikel war ich mir unsicher, ob er wirklich ernst gemeint ist. Aber er ist es wirklich."

    Das geht mir mit allem so, was Matussek in die Welt hinausposaunt. Ich dachte früher tatsächlich, er sei Satiriker. Kein Witz... Dabei ist er einfach nur ein Arschloch.

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