Donnerstag, Dezember 02, 2010

Dinge die ich nie verstehen werde, Teil 2:

Heute: Das Feuilleton

Jeden Montag Mittag gegen 12:15h mache ich mich auf in die heiligen Universitätshallen, um einem Seminar mit dem Titel "Formen literaturkritischen Schreibens" beizuwohnen. Dort ist der eifrige Dozent (der selbst natürlich für die verschiedensten wichtigen Tageszeitungen Deutschlands schreibt) dazu bereit, sein schier unfassbar großes Kritikerwissen an uns weiterzugeben.

Jeden Montag Mittag sitze ich da und frage mich, ob diese Leute das eigentlich ernst meinen.
Bei Literaturkritik geht es nicht darum, Literatur zu kritisieren. Nein, es geht um Namen. Die Namen der Kritiker.
Es geht um Preise. Wie oft liest man vom Ingeborg-Bachmann-Preis und ach! - wie war das skandalös, als sich Herr
Goetz
hrend seiner Lesung die Stirn aufgeschnitten hat und das Blut auf sein Manuskript tropfte. Mensch Maier, das traut sich heute keiner mehr.
Es geht darum, die meisten Hypotaxen zu benutzen. Meine persönliche Highlight-Rezension war ein Artikel, in dem sich der Autor darüber pikierte, dass zu viele Parataxen gebraucht würden. Das entspricht natürlich nicht dem akademischen Standard.
Wer keinen bekannten Namen hat, wird es schwer haben, jemals von einem Redakteur einen Platz im Feuilleton zu bekommen. Witzig, denn wie soll man seinen Namen bekannt machen, wenn man keine Gelegenheit dafür bekommt? Während sich die Literaturkritiker also untereinander gegenseitig in ihren Artikeln beleidigen, sitzt unsereins bei einem Kaffee vor der Zeitung und fragt sich, was diese Angriffe jetzt eigentlich genau mit dem Buch selbst zu tun haben, dessen Inhalt nur kurz am Rande erklärt wird, um schließlich direkt anzufangen mit Spitzen um sich zu werfen.
Aber steht ein Buch erstmal auf der Liste für einen der diversen Buchpreise, ja dann muss das Buch gut sein. Schreiben wir also eine kurze positive Bewertung, in der wir es aber nicht unterlassen, eine andere Zeitung subtil anzugreifen.
Oder wir schreiben einfach eine ganz ähnliche Rezension wie die vom Herrn R. Dann müssen wir uns nicht einmal die Mühe machen, das Buch selbst zu lesen. Mensch, die Welt kann so einfach sein.

Kommentare:

  1. Hihi! Über verschiedene Seiten bin ich, eine eifrige Mitbeiwohnerin dieses Seminars, hierdrauf gestoßen und..äh...du hast Recht :D

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  2. Ich hatte dasselbe Seminar im letzten Semester (wir reden hier doch von Herrn Süselbeck?). Ich weiß nicht, hier muss ich dir widersprechen: Mich hat es wirklich ziemlich interessiert, von einem "Insider" der Kulturindustrie Dinge erzählt zu bekommen - zumal Süselbeck auch nur für sympathische linke Zeitschriften schreibt, nicht für wichtigen Tageszeitungen (zumindest Stand letztes Semester). ;)

    Also enjoy it und freu dich, dass das darauf aufbauende Seminar bei Anz dich erst nächstes oder übernächstes Semester erwartet. DAS ist wirklich schlimm.

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  3. Ja, da bin ich.. Er schreibt für diverse linke Zeitschriften (als Donzent in MR ja fast schon ein Muss), aber eben auch für Tageszeitschriften, wie die FAZ oder ähnliche Konsorten.
    Mich nervt auch nicht die Übung an sich, da ich den Herrn wirklich äußerst sympathisch finde, sondern ganz einfach dieses ganze "Wir sind die gehobene Mittelschicht und Akademiker" und schreiben deswegen in Feuilletons. Es geht ganz einfach selten um das Buch an sich. Es wird vorallem darüber gesprochen, wer die Rezension geschrieben hat und welche Preise momentan so anstehen. Das Buch selbst ist dabei meist nur Mittel zum Zweck, um die "Geographie" der Rezensenten zu erforschen. Wer ist wer wird höher geschätzt, als irgendetwas sonst.

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