Samstag, Mai 25, 2013

Dinge die ich nie verstehen werde, Teil 10

Heute: Die Todesstrafe

William, Billy, Van Poyck wird am 12.06.2013 um 18 Uhr vom Staate Florida hingerichtet. Für ein Verbrechen, das er nicht begangen hat.
Seit die Todesstrafe im Jahr 1976 in den USA wieder eingeführt wurde, kam es zu 1332 Hinrichtungen. Mindestens 142 Menschen unter ihnen waren nicht schuldig. 

1988 wurde Billy zur Todesstrafe verurteilt. Billy und sein Mittäter Frank Valdes unternahmen den Versuch, einen Gefangenen aus einem Gefangenentransport zu befreien. Dabei wurde ein Officer von Valdes getötet. Die beiden wurden unter der Felony murder rule zum Death Row verurteilt. Sobald bei einem Kapitalverbrechen ein Mensch getötet wird, sind alle Beteiligten des Verbrechens automatisch des Mordes schuldig. Selbst dann, wenn nur einer der Beteiligten einen anderen Menschen tötet und dies unter Umständen vielleicht sogar aus Notwehr geschieht. 

In Bills Fall wurde er während seiner Trials nie tatsächlich für das Verbrechen überführt. Und doch soll er am 12. Juni für eben dieses sein Leben verlieren. Jemand erzählte der Jury, dass er der Schütze gewesen sei. Diese glaubte der Aussage und verurteile Bill dadurch zum Tode. Dass dies mittlerweile als falsch angesehen wird und Bills Unschuld im Zusammenhang mit dem Tod des Officers eindeutig nachgewiesen wurde, hinderte Floridas Governor Rick Scott nicht, am 3. Mai diesen Jahres, die endgültige Todes Berechtigung (death warrant) zu unterzeichnen und so dem Leben Billys ein Ende zu setzen. Sein Kumpane Frank Valdes wurde übrigens bereits 1999 von den guards im Florida State Prison zu Tode geprügelt.

Schon lange habe ich einen Brieffreund in einer der Death Row Zellen der Polunsky Unit in Texas. Texas ist der Staat mit den strengsten und engstirnigsten Gefängnisauflagen und -regeln. Die Inhaftierten verbringen 22 Stunden des Tages in ihrer 4qm Zelle ohne jeglichen Kontakt zu Mitgefangenen.
Seit 17 Jahren sitzt mein Brieffreund im Knast, weil er aus Notwehr einen Menschen getötet hat. Seit 17 Jahren wartet er nun auf seinen endgültigen death warrant. 

Wie fast 90% aller Insassen ist auch er schwarz, kommt aus dem Ghetto und kann sich keinen richtigen und kompetenten Rechtsbeistand leisten. Die hiesigen Pflichtverteidiger sind vom Staat gestellt, oft faul und haben kaum bis gar keine Lust, sich in einen Fall hineinzuarbeiten um ihre Mandanten richtig beraten und vertreten zu können. In den seltensten Fällen wird das Urteil revidiert und von death row zu lebenslänglich geändert. 
Tatsächlich ist es für den Staat sogar günstiger, alle seine Gefangenen lebenslänglich im Gefängnis verschimmeln zu lassen, als sie nach vielleicht 30 Jahren einmal umzubringen. Die vielen Verfahren und Menschen die dafür angestellt werden, verschlingen wahnsinnig viel Geld.
Wem ist damit geholfen, einen Menschen umzubringen, weil er einen anderen Menschen umgebracht hat? Aus diesem Umstand resultiert eine ewige und unendliche Gewalt- und Leidenskette. Manch ein Angehöriger des Opfers wünscht sich "Gerechtigkeit". Sie haben einen Menschen verloren und wollen den leiden und bluten sehen, der dafür verantwortlich ist.
Ja, die Angehörigen des getöteten Opfers sind traurig, dass ihr Freund oder Sohn getötet wurde. 
Ja, die Angehörigen des getöteten Insassen sind traurig, dass ihr Freund oder Sohn getötet wurde.
Wie will man diesen Angehörigen nun die "Gerechtigkeit" bringen? Den Henker töten? Immerhin ist er es, der dafür verantwortlich ist, dass sie einen geliebten Menschen verloren haben. 
Aber Verzeihung! Für diese Menschen hat es keine "Gerechtigkeit" zu geben.

Warum wächst überhaupt in so vielen Menschen der Wunsch, einen anderen Menschen tot sehen zu wollen? "Auge um Auge". Erhalten sie dadurch ihr Auge wieder zurück?
Ist es nicht viel besser, Menschen auf ewig hinter Gitter zu sperren, statt sie eines Tages von ihrem Leid zu "erlösen" und zu töten? Natürlich muss ein solches Urteil dann auch rigeros eingehalten und durchgeführt werden. Eine Entlassung nach 5 Jahren wegen guter Führung ist nicht zweckdienlich. Genauso nicht zweckdienlich ist die Todesstrafe. 
Befürworter heben den "Abschreckungsfaktor" hervor. Nein. Dieser Faktor existiert nicht. Staaten, in denen die Todesstrafe abgeschafft wurde, haben teils eine niedrigere Mordrate als zuvor (Beispiel Kanada). Abschreckung bedeutet nichts anderes, als die Verbrechen anderer vorzubeugen. Ein Mensch sollte für seine eigenen Verbrechen belangt werden. Nicht für die, die andere Menschen vielleicht unter Umständen begehen könnten.
Und was ist das überhaupt für ein Ursache-Wirkung-Prinzip? Die Verbrecher sehen: 'Oh. Es ist unter gewissen Umständen in Ordnung, Menschen zu töten. Dann kann ich das ja auch machen.' Doch wer sieht sich überhaupt in der Lage, diese "gewissen Umstände" definieren zu können? Wieso darf der Staat Menschen töten und der Bürger darf es nicht?

Ich möchte an dieser Stelle nicht die Verbrechen verschweigen oder kleinreden, die viele der Verurteilten zweifelsohne begangen haben. Ein Verbrechen gehört immer bestraft. Nur Mord mit Mord zu bekämpfen macht einfach keinen Sinn.

Man kann nicht nur nichts machen und stillschweigend aktzeptieren, dass ein unschuldiger Mensch ermordet wird. Man kann helfen. Es gibt eine Petition für William Van Poyck. Ein kleiner Versuch, sein Leben zu retten.

Das Todesurteil ist menschenunwürdig und gehört abgeschafft. 

Für weitere Informationen:
Billys Blog (bestehend aus den Briefen an seine Schwester)

Kommentare:

  1. Grundsätzlich bin ich ebenfalls gegen die Todesstrafe. Wenn man jedoch selbst betroffen ist und zum Beispiel das eigene Kind vergewaltigt und auf brutale Weise getötet wird, ist das rationale Denken vermutlich ausgesetzt und ich wüsste nicht, ob ich in diesem Fall den Mörder, wenn er denn 100% überführt ist (was nur selten der Fall ist), nicht auch tot sehen möchte.

    Ein schwieriges Thema, auf jeden Fall.

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    1. Der Witz ist ja, dass auch Mörder in den seltensten Fällen aus rationalen Gründen handeln. Schon allein deswegen funktioniert auch der "Abschreckungsfaktor" nicht.
      Andere Menschen tot sehen wollen, macht einen doch selbst nicht besser als den Mörder. Dann steht man am Ende nur auf einer Stufe. Das kann doch keiner ernsthaft wollen.

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