Montag, Oktober 17, 2011

Dinge die ich nie verstehen werde, Teil 6

Heute: Das Feuilleton, Teil 2

Schon einmal habe ich mich an dieser Stelle über die hiesige Feuilleton - Szene pikiert. Heute habe ich das dringende Bedürfnis mich aus gegebenem Anlass zu wiederholen.

Seit ein paar Tagen gibt es hier einen leicht säuerlichen Artikel im Feuilleton der FAZ zu lesen. Gegenstand des Artikels von Harun Maye ist die Literaturkritik diverser Videoblogger auf Youtube. Diese "Marzipanherzenmädchen" (sic) geben in ihren Videos ihre (natürlich immer gekaufte und / oder durch das Fernsehn manipulierte) Meinung zu diversen Jugendbüchern ab. Zeitung lesen besagte Mädchen ja ohnehin nicht. Sie sind zu sehr damit beschäftigt, nebenbei Videos über ihre Nagellacke zu drehen.
Der gute Herr Maye sieht sich durch diese Art der Literaturkritik anscheind höchstpersönlich auf den Schlips getreten, prangert er doch die Bücherauswahl der Youtuber als den "ganz normale(n) Bestsellerlistenschrott" an. Der renommierte Akademiker liest natürlich keine Bücher von Autoren wie Funke, Rowling oder Meyer.
Auch die Art, wie die Literaturkritik der Mädchen vorgetragen wird, passt dem Literatur- und Medienwissenschaftler gar nicht. Man spreche nur davon, ob ein Buch "flüßig zu lesen" sei. Skandal. Wo bleiben die Interpretationen zu Interpunktionen und Stilmitteln?

Meine Güte. Statt dass man sich freut, dass Jugendliche lesen, es auch noch cool finden und die Bücher sogar ihren Freunden/Abonnenten/whatever weiterempfehlen ist doch total großartig. Man mag von dem ganzen Twilight-Kram und Stephanie Meyer halten was man will. Aber sie hat junge Leute zum Lesen gebracht. Das ist doch schon mal was. 
Erst wird sich beschwert, die Jugend von heute lese nicht mehr genug und wenn sie es tut und es sogar in die Welt trägt, ist das auch nicht gut. Ich korrigiere: Es ist gut, dass sie lesen. Aber es ist nicht gut, dass sie es weitererzählen. Das solle man doch lieber den wirklichen Literaturkritikern überlassen, die Hypotaxen von Parataxen zu unterscheiden wissen und geistig täglich mit Archaismen schlafen.

Mein Lieblingsabschnitt im Artikel der FAZ ist übrigens der letzte Absatz, in dem der Wissenschaftler sein Wort quasi direkt an eins der Videobloggermädchen, Reni, richtet. Hauptsache Bret Easton Ellis wird noch schnell erwähnt. Es geht ja schließlich um junge Frauen, die neben Büchern auch Kosmetik und Klamotten konsumieren. Kein Ausgang. Den sehe ich in der elitären und hochgebildeten Welt des Feuilletons allerdings auch nicht mehr.

Um abschließend Reni zu zitieren: Es muss nicht immer Krieg und Frieden sein.

Kommentare:

  1. oh, bitte.
    das ist echt hart an der grenze, was er schreibt.
    klar, ein schreibstil wird vielleicht nur als "flüssig" beschrieben und es wird nicht auf expositionen und steigerungen und den ganzen andern kram aus dem "gymnasialen deutschunterricht" eingegangen, aber man muss doch auch mal bedenken, an wen sich die rezensionen richten. ein 13-jähriges mädchen, das ein paar gute empfehlungen haben möchte, will doch nichts über stilmittel lesen!
    außerdem ist ja wohl unmöglich, dass er charlotte roche in den selben topf schmeißt wie cornelia funke und rowling.
    mann, muss der typ verbittert sein...
    unmöglich. :D was anderes fällt mir dazu nicht ein.

    AntwortenLöschen
  2. Macht es irgend einen Sinn, einen "Schminkguru" als Beispiel für eine typische Literaturrezensentin hervor zu heben? Eher habe ich den Eindruck, dass der gute Mann eine generelle Abneigung gegen Reni hat und sich nur eines halbwegs intellektuell anmutenden Grundes bedient, um das Mädchen in den Dreck zu ziehen. Eigentlich hätte er genauso gut schreiben können, dass er sie darum beneidet, glücklich und zufrieden zu sein, mehr Inhalt konnte ich diesem blasierten und oberflächlichen Geschwafel nämlich nicht entlocken. Was sind das für Argumente? Ganz ehrlich, wenn ich eine Literaturempfehlung haben will, dann sind mir die Stilmittel ziemlich egal. Ich habe Germanistik studiert und trotzdem suche ich nicht nach irgendwelchen Anaphern, Epiphern und Metaphern, sondern verbinde Lesen mit Genuss nicht mit Theorie, und auch mit 24 Jahren würde ich keine Buchempfehlung aussprechen, in der ich in geschwollener Sprache mein Wissen über Stilmittel kundtue. Hört hört!
    Worauf es doch ankommt ist der Inhalt und wie dieser umgesetzt wurde, und das bringen die Mädels in seinem Beispiel, wenn auch etwas plump (und sicherlich von ihm maßlos überspitzt) auf den Punkt.
    Manche Menschen glauben wirklich, sie werden im Studium mit Weisheit gefüttert. Ich bin ziemlich erschüttert über diesen unsachlichen und klischeebeladenen Feuilleton, es tat mir beim Lesen regelrecht weh. Er kann motzen und meckern so viel er mag, aber der Tag, an dem ein junges Mädchen im Internet eine Empfehlung für Goethe ausspricht, wird einfach nicht kommen. Eher werden wir vom Planeten Melancholia erschlagen :D Und das ist auch gut so. Jeder soll lesen, was er mag und nicht dafür verurteilt werden. Sind wir in Deutschland schon so weit, dass selbst der Literaturgeschmack zum Mobbinganlass wird?
    Wie du schon sagtest: hauptsache die Jugend liest, weiß ein schön gestaltetes Buch zu schätzen und teilt die Freude über eine gute Lektüre.
    Am liebsten würde ich ein "Sie sind doof!" drunter setzen, aber die Kommentarfunktion ist ausgeschaltet.

    AntwortenLöschen
  3. Uh ha...
    Der Herr scheint ja echt ne Literaturterroristische Vereinigung auf deckt zu haben. Diese Mädchen werden die gesamte Literatur- und Bücherwelt auf den Kopf stellen und renomierte Experten arbeitslos machen.

    Jaja...so wird es ablaufen :)

    AntwortenLöschen
  4. Anderes Thema: warst du schon in "Melancholia"? Du bist eine der wenigen Menschen, auf deren cineastischen Geschmack ich was gebe. Wenn du mir sagst, der Film war scheiße, werde ich mich mit meiner positiven Meinung nochmal auseinander setzen müssen. Außer du bist eine derjenigen, denen von der Handkamera schlecht wird, dann darf ich mich nicht von deinem Urteil beeinflussen lassen! :D Ich bin total irritiert über soviel negative Blogger-Resonanz zum Film und kann sie nicht nachvollziehen. Entweder ich bin anspruchslos und blind geworden, oder sie sind alle doof O.o

    AntwortenLöschen

Tod den Captchas. Aber ohne gehts leider nicht mehr. Tod den Spamern.